Im Artikel „Über mich“ habe ich euch bereits geschrieben, wie wir in etwa nach Irland gekommen sind. Ich glaube, jede Familie, die in der schulischen Struktur von Deutschland nicht klarkommt, sucht nach Alternativen außerhalb. Warum haben wir uns für Irland entschieden?
Wenn man sich mit dem Thema Homeschooling beschäftigt, wird schnell deutlich, dass Deutschland in diesem Bereich sehr rückständig ist und keinerlei Freiheiten diesbezüglich erlaubt, außer in Ausnahmefällen, die die meisten Kinder vermutlich nicht betreffen. Schaut man in unsere europäischen Nachbarländer, sind viele Optionen für Heimunterricht sichtbar, meist aber unter Auflagen und mit jährlichen Prüfungen. Nur zwei Länder stechen da heraus, UK und Irland. Für viele ist Irland aufgrund der EU-Zugehörigkeit dann die erste Wahl.
So haben also auch wir uns im Vorfeld informiert, haben uns Irland als Familie angeschaut und sind mit Hauskauf in Irland ins Abenteuer Auswandern gestartet.
Ich möchte euch hier sehr gern meine persönliche Einschätzung darüber geben, ob Irland für Freilerner das Traumziel schlechthin ist, oder ob ihr vielleicht doch lieber etwas weiter weg euer Glück suchen solltet.
Homeschooling / Was ist in Irland anders?
Anders als in vielen anderen europäischen Ländern – insbesondere in Deutschland, wo Schulpflicht strikt an den Schulbesuch gebunden ist – haben Eltern in Irland das Recht, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Dieses Recht ist in der Verfassung verankert und steht somit auf soliden Beinen.
Der zentrale Punkt steht in Artikel 42 der Verfassung (Bunreacht na hÉireann). Dort wird festgehalten, dass die Familie die erste und wichtigste Erziehungsinstanz ist – nicht der Staat.
Ein besonders relevanter Abschnitt lautet sinngemäß:
Eltern haben das Recht, die Erziehung ihrer Kinder selbst zu übernehmen – zu Hause, in Privatschulen oder in staatlichen Schulen.
Der Staat darf Eltern nicht dazu zwingen, ihre Kinder in eine bestimmte Schulform (z. B. staatliche Schulen) zu schicken.
Gleichzeitig steht aber auch: Der Staat muss sicherstellen, dass jedes Kind eine Mindestbildung erhält.
Statt einer strengen Kontrolle gibt es ein Registrierungssystem beim Child and Family Agency (Tusla), bei dem geprüft wird, ob eine „angemessene Bildung“ sichergestellt ist. Bei einem Einstiegs-Assessment kommt ein Tusla-Mitarbeiter zu euch nach Hause und bespricht mit euch, wie ihr die vorgeschriebene Mindestbildung gewährleisten wollt.
Das klingt im ersten Augenblick vielleicht erschreckend oder man hat das Gefühl, überprüft zu werden. Aber ich sage euch aus meiner persönlichen Erfahrung (und auch aus Feedbacks von anderen Familien): die Mitarbeiter sind sehr freundlich nett, sehr aufgeschlossen hinsichtlich verschiedener Lernformen, sogar gegenüber dem Unschooling, also dem komplett freien Lernen ohne Lehrplan. Sie wollen eigentlich nur sehen, dass du vorbereitet bist, was alles vorhanden ist an Materialien oder anderen Dingen, die das Kind zum Lernen nutzen kann (z.B. Instrumente, Computer, regelmäßige Besuche in der Bücherei etc.) und dass die Umgebung für das Kind gut und sicher ist (das ist aber meine Interpretation, denn immerhin ist TUSLA das irische Jugendamt und für den Schutz der Kinder zuständig).
Ist man einmal registriert, genießen Familien sehr viel Freiheit in der Gestaltung des Lernens: Es gibt keinen vorgeschriebenen Lehrplan, keine regelmäßigen Prüfungen und keine Pflicht, dem klassischen Schulsystem zu folgen. Nach einiger Zeit (es werden mehrere Jahre sein) kommt noch ein Folge-Assessment. Wir hatten dieses bisher noch nicht, aber soweit ich gehört habe, läuft es sehr ähnlich wie das erste ab.
Fazit: Die Grundlagen für Freilernen sind tatsächlich gegeben und optimal.
Gibt es Homeschooling-Communities?
In Irland ist zwar das Homeschooling in der Verfassung verankert, das bedeutet aber nicht, dass ein großer Anteil der Kinder zu Hause lernt. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass es tatsächlich ein kleiner Teil ist. Ich möchte hier erwähnen, dass die Schulen in Irland einen guten Eindruck machen, viele haben dörfliche Strukturen mit kleineren Klassen. Andererseits kommen die Schüler meist erst gegen 15 oder 16 Uhr nach Hause und die Vielfalt an freien Schulen oder alternativen privaten Schulen ist sehr klein.
Zurück zum Thema Communities. Nur weil die meisten Kinder doch normal beschult werden bedeutet es nicht, dass man hier keine Homeschooler findet. Wenn man sich über Facebook vernetzt (in fast jeder Region in Irland gibt es eine Facebook-Gruppe für Homeschoolers) findet man schnell Anschluss an andere Familien und kann sich vernetzen und treffen.
Mittlerweile ist die Homeschooling-Community sehr International. Ich sage hier das Wort „Homeschooling“ als Überbegriff für alle Formen des Heimunterrichts bis hin zum Unschooling, denn jede Familie verfolgt einen ganz individuellen Ansatz. Sehr viele Familien kommen nun auch aus Deutschland nach Irland, aber auch aus vielen anderen Ländern wie Frankreich, Holland, Schweden, Spanien und noch mehr. Feste Communities oder staatliche Organisationen gibt es in dem Sinne nicht, alles ist selbstorganisiert und hängt davon ab, wie engagiert die Familien der Region sind. Wir hier in Mayo haben regelmäßige Treffen und auch eine Gymnastik-Stunde nur für Freilerner.
Was, wenn mein Kind einen Abschluss machen will?
Wie auch in Deutschland gibt es in Irland Möglichkeiten, eine Externisten-Prüfung abzulegen. Das heißt so viel wie, man meldet sich zur Prüfung, z.B. für das Leaving Certificate, ohne vorher auf der Schule gewesen zu sein.
Es gibt auch Online-Schulen, die anerkannte Abschlüsse anbieten. Eine Liste der von mir bekannten Online-Schulen, findest du hier als PDF zum Download.
Was ich auch noch wunderbar hier in Irland finde, ist die Flexibilität der Schulen. Ich habe von Fällen gehört, wo das Kind in die Schule schnuppern wollte. Das wurde ermöglicht, ohne große Anmeldungen. Ein anderes Kind wurde mehrere Jahre zu Hause unterrichtet und wollte wieder in die Schule – kein Problem. Auch werden die Kinder nicht zurückgestuft, nur weil sie zu Hause unterrichtet wurden. Die Kinder könnten problemlos in die Secondary School gehen, auch wenn sie nie in der Primary School waren. Natürlich ist das immer individuell mit den Schulen abzusprechen und es kann sicher auch Gegenbeispiele geben. Aber aus meiner bisherigen Erfahrung werden den Kindern, die zu Hause unterrichtet wurden, keine Steine in den Weg gelegt, falls sie ihren Weg ändern wollen.
Klingt alles zu schön um wahr zu sein? Ja, leider, denn nun kommen wir zu dem, warum Irland für viele Familien kein Freilerner-Paradies sein wird.
Wie lebt es sich in Irland?
Ich fange mal mit den positiven Punkten an: Irland ist ein sehr schönes Land mit wunderschönen Stränden und viel Grün. Die Menschen gehören zu den freundlichsten Völkern, die ich in meinem Leben getroffen habe, auch wenn manchmal aufgrund des etwas anderen Dialekts schlecht zu verstehen. Das Land ist sicher, es gibt alles, was man zum Leben benötigt und es herrscht hier eine Gelassenheit, mit der man erstmal klarkommen muss, wenn man aus dem deutschsprachigen Raum kommt.
Vieles scheint ähnlich, ist aber dann doch anders, als man denkt. Das merkt man aber erst, wenn man hier wohnt, arbeiten geht oder etwas repariert haben will. Womit wir schon beim Negativen gelandet sind.
1. Andere Mentalität
Die Effizienz, Pünktlichkeit und Professionalität, die wir aus Deutschland und der Schweiz gewohnt waren, haben wir hier leider häufig nicht vorgefunden. Familien erzählten, wie sie zwei Tage auf ihre Gaslieferung gewartet hatten, obwohl sie ja verabredet waren. Auch bei Fliesenlegern oder anderen Handwerkern haben wir ähnliche Rückmeldungen bekommen. Das für uns gewohnte Absagen oder Bescheid geben, falls man sich verspätet, ist hier nicht so selbstverständlich.
Wir hatten auch oft das Gefühl, dass die Iren nicht ganz direkt kommunizieren. Ich kann nicht ganz beschreiben was und wie, aber es kommt mir so vor, als könnten sie nicht klar „Nein“ sagen (wie bei den asiatischen Kulturen) oder wenn sie etwas nicht können, drucksen sie lieber herum, als es ehrlich zuzugeben. Es entsteht der Eindruck, dass die Iren möglicherweise manchmal lieber den „Schein“ waren wollen, als offen und ehrlich Dinge auszusprechen. So fühlt man sich manchmal sitzengelassen und oft hat man das Gefühl, keine Info über Fortschritte etc. zu haben. Sicherlich ist es in Europa kein Einzelfall, solche Mentalitäten gibt es in anderen Ländern auch, aber ich glaube gerade aus dem deutschsprachigen Raum heraus ist es schwierig, damit klarzukommen.
2. Wohnqualität
Die schlechte Qualität der Häuser in Irland ist schwer zu glauben aber leider Standard. Stell dir vor, du ziehst in eine Altbauwohnung, von Dämmung nicht viel, überall zieht es und du musst viel heizen. Wenn du Pech hast, hast du auch hier und da Schimmel.
Wir haben angefangen, unser Haus nachträglich zu dämmen, obwohl es schon zu den besseren auf dem Markt gehört. Immer wieder aufs Neue schütteln wir den Kopf, über die Dinge, die wir entdecken: die Stromleitungen, die Abwasserleitungen etc. In unserem Haus hat es überall gepustet und wir haben es nicht warm bekommen. Es scheint, als wären die Häuser in Irland absichtlich luftig gehalten (so unser Fazit), denn Wind und gute Durchlüftung verhindern Schimmel. Also besser ein kaltes zugiges Zuhause als ein schimmeliges, gell?
3. Wohnkrise
Leider gibt es in Irland kaum Chancen, eine Miet-Immobilie zu finden. Die Immobilien, die noch auf dem Markt sind, sind unbezahlbar geworden (ab 1000 Euro pro Monat, Heizkosten zuzüglich). Und meist bekommt man keine Langzeit-Mietverträge, weil die Iren hier sehr vorsichtig sind. Die machbarste Option, hier Fuß zu fassen, ist tatsächlich der Hauskauf. Aber wie oben erwähnt, rechnet nicht mit deutscher Bausubstanz (oder deutschen Preisen). Auf Daft.ie kann man sich im Vorfeld einen guten Eindruck der Situation machen. Jetzt, im April 2026, berät die irische Regierung darüber, ob zukünftig Mobile Homes ohne Baugenehmigung in den Garten gestellt werden dürfen. Das würde die Wohnsituation in Irland sicherlich entlasten. Vielleicht wird es in Zukunft da auch mehr Mietangebote geben.
4. Klima
Irland hat wunderschöne Strände und wenn das Wetter wärmer wäre, wäre es nicht so ein wenig bevölkertes Fleckchen Erde mehr. Denn ich will ehrlich sein – es regnet schon sehr viel und der Wind ist nicht zu unterschätzen. Im Herbst und Winter gibt es die meisten Niederschläge und mehrmals im Jahr auch stärkere Stürme. Letztes Jahr war ein Sturm so stark, dass das ganze Land viele Tage lahmgelegt wurde, denn viele Strommasten sind umgestürzt bzw. Bäume sind auf die Stromleitungen gefallen. Ja, hier in Irland verläuft der Strom meist überirdisch entlang der Straße. Wir waren 3 Tage ohne Strom, andere Familien noch länger.
Wir haben seit November bis jetzt in den April vielleicht 2-3 Tage ohne Regen gehabt. Der Sommer wird ca. 23-26 Grad heiß. Wenn man mal richtig Glück hat, zeigt das Thermometer 27Grad. Dann ist hier richtig Urlaubsfeeling an den Stränden. Für diejenigen, die es in Südeuropa normalerweise zu heiß finden, ist es hier top. Von Klimawandel hier noch keine Spur.
Mein ehrliches Fazit
Wir wohnen in Irland bereits 3 Jahre lang und es werden mehr werden, denn wir genießen jeden Tag unsere Freiheit des Freilernens. Wenn dies dein wichtigstes Ziel ist, eine legale Base für die freie Bildung deines Nachwuchses zu haben und du außerdem die nötigen finanziellen Mittel mitbringst, um dir hier ein Heim zu kaufen, dann kann das sehr wohl so etwas wie dein Freilerner-Paradies werden.
Denn seien wir mal ehrlich: Wenn die Sonne scheint, ist Irland traumhaft schön.

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